Die Narrenkampagne des vergangenen Jahres hat länger gedauert als je zuvor und wurde erst einige Tage vor Allerheiligen wirklich beendet. Der Grund dafür war eine Narren-Idee, die den Clou des letzten Umzugs bildete, nämlich die Narrenblüten, die „Hundertmarkscheine", mit dem Konterfei unseres Bürgermeisters. Dank dieser närrischen Meisterleistung, die den Amtsschimmel auf Bundesebene in Galopp setzte, ist die Karnevalgesellschaft „Rot-Weiß" jetzt nicht nur im Vereinsregister des Amtsgerichtes Kandel, sondern auch bei der Bundesbank-Zentralstelle in Frankfurt und beim Bundes-Falschgelddezernat in Wiesbaden amtlich eingetragen. Und das sogar noch gebührenfrei, ein Zeichen welch weltweite Beziehungen die Rülzheimer Narren schon haben. Alles in allem eine „Publicity", über die kein anderer Karnevalverein der Bundesrepublik verfügen dürfte.

Die Sache hatte so harmlos angefangen: Beim Krönungsball, zum Beginn der närrischen Saison, und der Inthronisation des Prinzenpaares sagte Bürgermeister Braun anlässlich der Schlüsselübergabe: „Rülzheim stinkt nach Geld." Dieser Satz wurde nach dem Motto „Es ist so schön, um wahr zu sein", herzlich belacht und stürmisch applaudiert. Hilfsbereit, wie Narren nun einmal sind, sagten sich die Närrischsten im Kreis der Narrenschar: „Wir müssen das Geld, nach dem Rülzheim so sehr stinkt, unter die Leute bringen, und dazu bietet der Karnevalsumzug die beste Möglichkeit." Es gehörte schon ein bisschen mehr als nur Narretei dazu, um die schönen Scheine herzustellen, und man gab sich auch noch alle Mühe, die Blüten so herauszubringen, dass ein Missbrauch von vorneherein unmöglich war.

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Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten, und das Unglück reitet schnell. Dieses Unglück sah folgendermaßen aus: Ein in Rheinzabern geborener Lehrer (er ist Gewerbeleh¬rer in einer Stadt in Württemberg) hatte einen der Narrenscheine in seiner Hemdentasche vergessen. Seine Mutter fand nach der Wäsche den aufgeweichten Fetzen Papier und glaubte, es handele sich um einen wirklichen Hundertmarkschein. Die Frau rannte schnurstracks in die Bankzentrale und bat um die Einlösung des zusammengeklebten Scheins. Der Bankbeamte schickte das undefinierbare Fragment zur Umtauschstelle der Landeszentralbank in Frankfurt, das Falschgelddezernat in Wiesbaden wurde von dort als nächste Instanz eingeschaltet, und nun zog der Amtsschimmel wiehernd seine vorgeschriebenen Kreise.

Ganz so lustig wie ich es hier beschreibe war die Angelegenheit wieder nicht, denn nach Lage der Dinge waren die Beamten gezwungen, der Sache nachzugeben. Die Karnevalisten hatten ja ein gutes Gewissen und lachten über den Übereifer der Behörden. Aber wirklich gelacht und einen darauf getrunken haben wir doch erst, als Vorstand Büchle den mit Unterschrift und Siegel versehenen Bescheid der Bundesstaatsanwaltschaft in Händen hatte: „Das Verfahren gegen Sie wegen Verbreitens von Falschgeld ist eingestellt." An diesem Beispiel sieht man wieder einmal, wie leicht man unter die Räder der Justiz geraten kann. Auch bei den Narren gilt das Sprichwort: „Vorsicht ist die Mutter der Weisheit". Aber durch dieses amtliche Vorgehen lassen wir uns nicht einschüchtern, denn durch die Veröffentlichungen in den Tageszeitungen haben wir unser Ansehen nur gesteigert.

Wir sind deshalb verpflichtet, unsere Anstrengungen zu verdoppeln. Wie jedes Jahr, ist man auch diesmal wieder mit dem Ansinnen an uns herangetreten, das Prinzenpaar bereits zur Saisoneröffnung am 11. 11. vorzustellen. Nach reiflicher Erwägung aller Für und Wider hat sich der Ausschuss entschlossen, das nicht zu tun und somit wird auch in dieser Saison das Prinzenpaar erstmals beim Krönungsball am 17. 1. 1970 sein Inkognito lüften. Wenn auch viele Orte und Städte dies anders praktizieren, wir haben uns aus vielerlei Gründen entschlossen, den bisherigen Modus beizubehalten.

Das Gesamtprogramm umfasst folgende Veranstaltungen: Am 8. 11. 1969 Saisoneröffnung (die eigentlich am 11. 11. stattfinden sollte). Am 17. 1. 1970 Krönungsball und Inthronisation des Prinzenpaares. Am 24. 1. Prunksitzung. Am 31. 1. Hofball des Prinzenpaares. Am 8., 9. und 10. 2. 1970 die drei tollen Tage im alten Schulhaus. Eine ganz besondere Attraktion wird sich in diesem Jahr dem Publikum vorstellen, denn die Jung-Prinzengarde wird erstmals beim Krönungsball in Erscheinung treten. Zehn bezaubernde kleine Mädchen, herrlich gekleidet, werden, von Karin Franck dressiert, auf das Publikum losgelassen. Für die Prunksitzung ist Besuch aus dem Orient angekündigt. Alle Pracht aus Tausendundeiner Nacht wird sich entfalten. Auch der weibliche Elferrat wird wieder mit von der Partie sein.

Der Umzug fällt in diesem Jahr aus, denn es wäre der Bevölkerung zu viel zugemutet, einen Umzug für den Karneval und einen solchen für das Heimatfest im Juli zu erstellen. Alle Vorbereitungen laufen schon seit Wochen auf Hochtouren und die gesamte Gefolgschaft steht fest und treu hinter ihrem Narrenboß Oskar Büchle.