Was die Karnevalisten seit Jahren ersehnt, ist dieses Jahr Wirklichkeit geworden. Endlich konnten sie heraus aus der Enge des kleinen Saales, endlich einmal war der Rahmen gegeben, der die Mühe und Arbeit monatelanger Vorbereitungen lohnte. Vielleicht glauben viele Uneingeweihte, der Karnevalverein habe dieses Jahr Geld gescheffelt. Aber das können nur Leute sagen und denken, die noch nicht voll in das Getriebe eines Vereins geraten sind und gerade der Karnevalverein nimmt hier eine Sonderstellung ein.

Monatelang liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren und immer stand im Vordergrund die bange Frage: Dürfen wir in die Turnhalle oder nicht? Ungeachtet dieser Frage wurde für den Umzug gearbeitet. Hans Kaufmann trieb die Säumigen mit unnachsichtlicher Strenge an die Vorbereitung der Wagen und bald hatte das Karnevalfieber viel weitere Kreise gezogen, als der größte Optimist zu hoffen wagte. Eines muss vorausgeschickt werden: Eine Mannschaft mit solchem Gemeinschaftsgeist, getragen von Idealismus und Opferbereitschaft, war noch nie beisammen, aber auch noch nie in den vergangenen Jahren gab es ein solch lohnendes Ziel, noch nie konnte die Pracht und die Freude des Karnevals so wundervoll demonstriert werden wie in der vergangenen Saison.

Wohl niemand von den Tausenden, die am Fastnachtsonntag den herrlichen Umzug bewunderten, können ahnen, wieviel Arbeit, wieviel Mühe in geistiger und körperlicher Hinsicht hinter all dieser Pracht steckt. Gemessen an der Kürze der Zeit, in der sich die ganze Pracht entfaltet und den Augen der staunenden Zuschauer darbietet, steht die Vielfalt der Arbeit in gar keinem Verhältnis zu dem glänzenden Effekt, von der finanziellen Seite ganz zu schweigen. Die Freude der Mitmenschen ist und bleibt des Idealisten höchster Lohn. Man kann nicht umhin, vom Karneval zu reden oder zu schreiben, ohne alle anderen Vereine und Vereinigungen unseres Dorfes lobend zu erwähnen. Verzeiht, liebe Leser, wenn ich einen Satz gebrauche, der schon mehrmals zu hören und zu lesen war: Im Karnevalverein findet sich während der närrischen Zeit alles, was Rang und Namen im kulturellen Leben unseres Dorfes hat, ganz gleich welcher Sparte die Männer und Frauen angehören. Musik, Gesang und Humor sind ein Dreigespann, das als Garant der Fröhlichkeit immer seine Gültigkeit hat.

Und ein Sonderlob den Frauen, die sich aus der Reserve der vergangenen Jahre herausgelöst haben. Nicht nur, daß die Prunksitzung durch das weibliche Element eine besondere Würze erhalten hat, nein, der größte Dank gebührt den Frauen für ihre unermüdliche Arbeit bei den Vorbereitungen an den Wagen und dem Bühnenbild in der Festhalle und ganz besonders beim Einräumen und wieder beim ausräumen der Halle.

Am Freitag, dem 11. 11. 1966 fiel der Startschuß für das närrische Treiben. Die Stimmung während des Eröffnungsballs ließ schon ahnen, dass große Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen. Wohl war es noch nicht amtlich, dass die Benutzung der Turnhalle gestattet ist, aber man nahm damals schon den Wunsch als Vater des Gedankens und die ganzen Arrangements liefen stur in Richtung der neuen Halle. Ein Lob unserer Gemeindevertretung, an ihrer Spitze Bürgermeister Helmut Braun und ein Sonderlob der Lehrerschaft. Sie alle haben sich dafür eingesetzt, dass die Halle fertig wurde und dass der Karnevalverein die einige Tage zuvor der Öffentlichkeit übergebenen Räume einer Belastungsprobe unterziehen durfte, was in mehr als einer Hinsicht ein Risiko bedeutete. Aber wer nichts wagt, der nichts gewinnt, und gewonnen haben alle, alt und jung, denn es muss doch jedem Rülzheimer das Herz höher schlagen, wenn er die Kritiken aus dem Munde tausender fremder Besucher hören konnte. Diese Kritiken gipfelten in der Feststellung, dass kein Dorf in der Lage ist, einen solchen Umzug und ein solches Treiben überhaupt zu organisieren.

In den vergangenen Jahren war es der Krönungsball, der als Höhepunkt des Jahres betrachtet wurde, aber in diesem Jahre konzentrierte sich das ganze Interesse auf die Prunksitzung in der neuen Halle. Aus Gründen, die man nicht näher zu erläutern braucht, hatte der Vorverkauf etwas zögernd eingesetzt, doch bald schon waren die letzten Bedenken zerstreut und der Sturm auf die Eintrittskarten setzte ein. Keiner der mehr als 500 Besucher hat sein Kommen bereut. Was geboten wurde, stand mindestens auf gleicher Stufe mit allen Veranstaltungen, die nur von Amateuren gestaltet werden. Die Rülzheimer Narren brauchen sogar keinen Vergleich mit den Hochburgen des deutschen Karnevals zu scheuen. Die Halle bot in ihrer schlichten Einfachheit ein erhebendes Bild und der größte Nörgler mußte verstummen, wenn er sich zum ersten Male in dem festlichen Räume umsah.

Für die Akteure jedoch bedeutete es eine große Umstellung. Alle Büttenredner und besonders unser stimmgewaltiger Sitzungspräsident Willi Kupper waren es all die Jahre gewohnt, auf engstem Raum direkte Tuchfühlung mit dem Publikum zu halten. Aber hier mußte das Mikrophon als Freund und Helfer einspringen und dass dies nicht so ganz hinhaute, wie man es erwartet hatte, lag in erster Linie an der etwas zu schwachen Lautsprecheranlage, die in einem so vollgepfropften Saale die erste Bewährungsprobe bestehen musste.

Dafür wurde aber dem Auge alles geboten, was man von einer Prunksitzung schlechthin verlangen kann. Schon der Spielmannszug war eine Labsal für Auge und Ohr. Die fremden Besucher waren des Lobes voll über diesen Auftritt und besonders unsere zahlreichen Gäste aus Wörth machten aus ihrer Begeisterung kein Hehl. Weiter ging es Schlag auf Schlag in einer wahren Orgie prachtvoller Farben. Der Elferrat in seinen neuen Uniformen, das Prinzenpaar in gediegener und doch wieder einzigartiger Herrlichkeit, die lustigen Mädchen der Prinzengarde mit ihrer Tanzmeisterin Karin Franck und dem Solotänzer Gerhard Dreyer waren in Aussehen und Leistung über jedes Lob erhaben.

Die Büttenredner fanden mit ihren gekonnten Vorträgen ein dankbares Publikum und ganz besonders die Frauen in der Bütt (Petra Büchle, Frau Rinio, Wörth und Frau Marliese Büchle) ernteten stürmischen Applaus. Der absolute Höhepunkt kam nach der Pause, als der weibliche Elferrat die männlichen Kollegen ablöste, und die Männer als Pariser Ballett sich den staunenden Zuschauern präsentierten. Diese Nummer war eine Gaudi, wie es wohl bisher noch nicht im Rülzheimer Karneval zu erleben war und der Beifall ist mit Worten nicht zu beschreiben. Vielleicht hat man des Guten etwas zu viel getan und eine Stunde weniger wäre am Platze gewesen. Daß zu solch vorgerückter Stunde die Hofsänger noch so herrlich in Erscheinung treten konnten, spricht für die Qualität dieser Sangesgruppe. Das „Ofra-Quartett" unter der Leitung von Otto Franck hatte sich dieses Jahr als Hofsänger zur Verfügung