Der frühe Redaktionsschluß des Rülzheimer Heimatbriefes macht es dem Schreiber dieser Zeilen schwer, einen erschöpfenden Bericht über das närrische Treiben in Rülzheim zu verfassen. Wir sind noch inmitten der Saison und nur die ersten Kostproben des glanzvollen Programms konnten der Öffentlichkeit verabreicht werden. Trotzdem genügte diese kleine Vorspeise vollkommen, um die Reichhaltigkeit des zu erwartenden, närrischen Menüs ahnen zu lassen. 

Von Jahr zu Jahr findet der Narrenruf ein immer stärkeres Echo im Herzen der Bewohner unseres stillen Ortes und die erste Prunksitzung war ein Beweis dafür, daß das Rülzheimer Narrenschiff immer höhere Wellen erzeugt. Es ist müßig, über den räumlichen Engpaß zu berichten, der dem Höhenflug der Rülzheimer Narren ziemlich drastisch die Flügel beschneidet. Aber was in diesem kleinen Saal des Hotels Viktoria gezeigt wurde, das bewies klar und deutlich das hohe Niveau, das die Rülzheimer Karnevalisten, aus alter Tradition geboren, nun erreicht haben.

Die Bühne ist schlechthin ein wahres Prachtwerk und ruft bei allen einheimischen und fremden Besuchern Bewunderung hervor. Idee und Gestaltung dieses einmaligen Prunkstücks können eigentlich nur von Hans Kaufmann stammen und ihm zur Seite steht Kunstmaler Brandt, der das Farbenspiel und die Architektur zu einer harmonischen Augenweide zusammenfließen ließ. Diese Tatsache erlaubt es den Rülzheimern, sich sicherlich auch in der Zukunft, der immer stärker werdenden Konkurrenz des Fernsehens zu erwehren, ungeachtet der Erkenntnis, daß das Fernsehen vielen internen Vergnügungen mehr und mehr den Wind aus den Segeln nimmt. Und gerade am Vortage unserer ersten Prunksitzung hatte das zweite Programm die wirklich großartige Veranstaltung „Mainz bleibt Mainz" ausgestrahlt, so daß wir mit berechtigtem Pessimismus den kommenden Ereignissen entgegensehen mußten. Aber zu unserer Befriedigung erlebten die Rülzheimer Narren eine in jeder Beziehung angenehme Enttäuschung. Das Fernsehen hat auch seine angenehmen Seiten. Was man auf dem Bildschirm sieht, zwingt die Veranstalter einfach zu einem höheren Niveau der Darbietungen und eine weitere Tatsache ist unmißverständlich in Erscheinung getreten: Der Reiz des eigenen Erlebens, das prickelnde Gefühl des Dabeiseins und das Fluidum der berauschenden Farben, das sind alles Dinge, die auch die vollendetste Fernsehsendung nicht ersetzen kann.

Welch einen Wandel haben die Dinge auf der Bühne in den zehn Jahren seit Bestehen der Karneval-Gesellschaft „Rot-Weiß" Rülzheim gebracht! War es in den Anfangs jähren nur billiger Flitter, der dem anspruchslosen Besucher gefiel, so sind es heute echte, oft sehr teuere Dinge, die dem inzwischen sehr verwöhnten Besucher imponieren. Waren es anfänglich billige Witze und Couplets, mit denen man die Gäste zu unterhalten pflegte, so sind es heute fast ausschließlich selbstverfaßte Büttenreden, die mit viel Geist, Witz und Humor serviert werden. In den vergangenen Jahren war es unser Stolz, daß die Vortragenden ausschließlich Rülzheimer (Zugezogene miteingerechnet) waren, daß jedes gesprochene oder gesungene Wort aus der Feder eines Rülzheimers stammte. Wir haben diese Gepflogenheit in diesem Jahre ein klein wenig aufgelockert und das bestimmt nicht zum Nachteil des Programms. Unsere Büttenredner und in erster Linie unsere Hofsänger (eigentlich heißen sie immer noch „Klingbachlerchen") werden mit Anfragen aus anderen Dörfern überhäuft, was dieses Jahr zum Auftreten in Rhodt (der Wein dort schmeckte ausgezeichnet), Wörth (zweimal) und Endingen am Kaiserstuhl führen wird.

Als Gegenleistung dürfen wir die Glanznummern dieser Orte dann bei uns in der Bütt sehen. Über das Programm kann man nur sagen, daß es sich dem prunkvollen Rahmen in jeder Beziehung anpaßte: Der Vortrag „Till Eulenspiegels" (Alois Johann), der sich traditionsgebunden in den Gewässern der hohen Politik bewegt, ist dazu angetan, mehr an den Geist als an die Lachmuskeln der Besucher zu appellieren. Schakob und Hanjörg mit der Analyse der örtlichen Geschehnisse (Hans Kaufmann und Alois Johann) mußten beides, Geist und Humor vereinen. In die gleiche Kategorie fällt auch Konni Schwab mit seinen neckischen Liedern zur Laute, die wirklich herzerfrischend wirkten. Während sich Hans Kaufmanns „Verkehrssünder" mit viel Humor noch an den Bereich des Aktuellen anlehnt, sind alle anderen Büttenredner in die Kategorie „Humor" einzuordnen.

Bei den Gästen ist in erster Linie Ludwig Müller aus Rhodt zu nennen, der in Mimik und Aussprache als absolute Sonderklasse betrachtet werden kann. Frau Rinio aus Wörth, die einzige weibliche Büttenrednerin, konnte mit Ihrer „Hebamme" viel Beifall ernten. Götz König als „Pfälzer Krischer" stammt aus Insheim, wird sich aber in Zukunft durch zarte Bande mit Rülzheim verknüpfen (bestimmt kein schlechter Fang für den Rülzheimer Karnevalverein). Marcel Schuschu als Wahlrülzheimer ist es gewohnt, daß man viel von ihm erwartet.

An Nachwuchs fehlt es nicht im närrischen Rülzheimer Treibhaus, das bewiesen Stefan Leingang als Angler, Gerhard Hartenstein als Rekrut und Karlheinz Pfeifer und Ludwig Müller in ihrem gelungenen Duo als Straßenkehrer. Auch Emil Kröber als „Musik-Clown" konnte sehr gut gefallen.

Die Prinzengarde bot einen herzerfrischenden Anblick und Ihre Darbietungen unter der Leitung ihrer Direktrice Karin Frank waren einfach Klasse. Eine Sensation war der Auftritt des Elferrates als „Die schönsten Frauen aus aller Welt". Hier hat man sich wirklich etwas Originelles und Großartiges einfallen lassen und der entfesselte Beifallssturm war wirklich verdient. Die Klingbachlerchen unter ihrem Dirigenten Erwin Hartenstein haben wieder großartig eingeschlagen. Nicht nur in Rülzheim, auch in Rhodt und Wörth waren sie die Lieblinge des Publikums. Besonderer Dank gebührt der Kapelle des Musikvereins unter der Leitung ihres Kapellmeisters Franck.

Die volkstümliche Fasenacht ,Erstellung des Narrenbaums, das Treiben im alten Schulhaus, das zur Narrenburg umgestaltet wird, die Fahrten mit dem Narrenexpreß, der Umzug und das Narrentreiben der Kinder, die Maskenbälle und all das Unaussprechliche werden beweisen, daß die Rülzheimer Karnevalisten ihre Sache wirklich verstehen. Einen besonders herzlichen Gruß an alle Rülzheimer entbietet unser charmantes Prinzenpaar.

Alois Johann