Schon immer stand die Rülzheimer Öffentlichkeit dem Karnevalsgedanken aufgeschlossen gegenüber, und schon in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg gab es in unserem Dorfe Männer, die sich die Fasenacht etwas kosten ließen. Seit dem Bestehen der Karnevalsgesellschaft Rot-Weiß ist, abgesehen von kleinen Rückschlägen, eine stete Aufwärtsentwicklung zu verzeichnen, die nun in diesem Jahre einen absoluten Höhepunkt erreichte.

Dabei ist es bestimmt nicht leicht, ein von Funk und Fernsehen verwöhntes Publikum zufriedenzustellen, sich immer wieder etwas Neues einfallen zu lassen, und sich gegen Dörfer und Städte zu behaupten, die unter ungleich günstigeren Bedingungen ihren Karneval ausrichten können. Ich möchte meine Leser nicht langweilen, wenn ich das leidige Festhallenproblem streife, aber ganz kann ich daran nicht vorübergehen. Gerade diese Saalfrage ist es, die uns Karnevalisten jahraus, jahrein wie ein böser Alptraum verfolgt. Trotz all dieser widrigen Umstände haben wir uns in den Kopf gesetzt, die karnevalistische Hochburg in der Südpfalz zu werden, und nach dem Erfolg dieses Jahres ist uns dieses Vorhaben vollkommen geglückt.

„Not macht erfinderisch", das ist ein altes Sprichwort, nach dem wir die Kampagne in diesem Jahre in Angriff genommen haben. Rülzheim liegt, wie alle Orte der Südpfalz bis in den Karlsruher Raum, am Scheidepunkt zweier karnevalistischer Einflußsphären, die beide ihre Reize und daher auch ihre Daseinsberechtigung haben. Der rheinische Karneval wird in allererster Linie von Mainz präsentiert, mit seinen Sängern, politischen Büttenrednern und prunkvollen Festzugswagen. Auch alle anderen rheinischen Städte gehen in etwa die gleiche Richtung, und in allen Dörfern dieser Landstriche versucht man, dem Vorbild der Großen nachzueifern.

Leider gerät der rheinische Karneval immer mehr in das Fahrwasser des Revue- und Show-Geschäftes, was das Auftreten berufsmäßig ausgebildeter Ballette und auch die Gonzbachlerchen bei den Mainzer Sendungen beweisen. Diese Entwicklung wird von den echten Karnevalisten nicht gerne gesehen; ob sie sich aufhalten lässt, ist eine andere Frage. Südlich von Karlsruhe und auch im gesamten württembergischen Raum gibt es eine andere Art des Faschings und zwar die alemannische Fasenacht. Hier liegt der Schwerpunkt des gesamten närrischen Treibens fast einzig und allein bei der Maskerade, und es geht wirklich toll her in allen Orten, vom „schmutzigen Dunstig" (Donnerstag vor Fasenacht) bis in den Aschermittwoch hinein.

Der Aufwand ist groß, oft geradezu gewaltig zu nennen, aber sehr oft in der alten Tradition erstarrt und fast völlig unzugänglich für neue Impulse. Wir Rülzheimer standen in diesem Jahre vor einem schweren Problem. Unsere vollkommen rheinisch ausgerichtete Marschroute war ins Schwanken gekommen, weil man uns den Vorwurf machte, wir würden zu wenig für die Leute auf der Straße und vor allem für die Kinder tun. Diesen Vorwurf haben wir uns zu Herzen genommen und haben versucht, neue Ideen auf die alte Walze zu bringen. Und siehe da, zwei Herzen haben sich im närrischen Gleichklang gefunden:

Hans Kaufmann, seit Jahren schon die treibende Kraft im Rülzheimer Narrenschiff, und Oskar Büchle, ein Sohn der alemannischen Narrenhochburg Endingen am Kaiserstuhl. Sie haben nun aus beiden Richtungen, der rheinischen und der alemannischen Art, einen Narrenbaum gepflanzt, der schon in seiner Kindheit herrliche Blüten hervorbrachte. Im Allgemeinen sind wir unserer rheinischen Art treu geblieben (Büttenredner, Prinzenpaar und Hofsänger), aber den Narrenbaum, den Narrenexpreß und das damit verbundene Treiben auf der Straße haben wir aus den alemannischen Räumen exportiert. Und diese Mischung hat über alle Erwarten gut eingeschlagen, so dass wohl in den kommenden Jahren die Richtung für alle Veranstaltungen klar gekennzeichnet sein dürfte.

Einen kleinen Querschnitt durch all die schönen und auch weniger erfreulichen Dinge, welche die tollen Tage gebracht haben, möchte ich meinen Lesern nicht vorenthalten. Aber gestattet zuerst einen Blick in all die unendliche Masse von Arbeit, die notwendig war, um das zu gestalten, was der Rülzheimer Karneval in diesem Jahre zu bieten hatte. Schon am 1. November 1963 fiel der Startschuß für das Heer der Helfer, und von diesem Zeitpunkt an trieb Hans Kaufmann sich selbst und seine Mitarbeiter mit unerbittlicher Strenge an.

Den Narrenexpreß haben wir in Endingen günstig erstanden, weil die dortige Narrenzunft die Wagen in den engen, verwinkelten Straßen des mittelalterlichen Weinstädtchens am Kaiserstuhl nicht mehr verwenden durfte. Die Wagen waren ziemlich stark ramponiert und mußten in umfassendem Maße überholt werden, und auch der Bau der Lokomotive bereitete den Verantwortlichen erhebliches Kopfzerbrechen. Immer größer wurde die Zahl der Mitarbeiter, aber auch immer mehr wuchsen die Aufgaben, welche die verantwortlichen Männer sich selbst stellten. Es hieße den einen zurückstellen, wollte man die Tätigkeit des anderen besonders erwähnen, und wir wo¬len allen Mitarbeitern versichern, daß jeder das getan hat, was man von ihm erwarten durfte.

Zuerst wollte man keine Prunksitzung abhalten, aber nachdem die Sänger ihre Lieder eingepaukt hatten, entschloß man sich doch zu einem einmaligen Auftritt, der auch gleich ein toller Erfolg wurde. Die Saison war kurz, und die Veranstaltungen stauten sich in beängstigender Weise. Zweimal drei tolle Tage sind auch für die größten Idealisten ein bißchen viel, wenn man am nächsten Tage wieder auf der Arbeitsstelle erscheinen muß. Was heißt schon Müdigkeit, wenn der Beifall aufbraust, ist alles vergessen, und wenn der einzige Lohn auch nur ein Orden ist, für den Karnevalisten bedeuten diese an sich wertlosen Dinge Lohn und Anerkennung zugleich.

Nicht nur die Rülzheimer jubelten unseren Sängern zu, in Germersheim wurden sie mit Beifall überschüttet, während zu gleicher Zeit bei uns selbst der Krönungsball auf Hochtouren lief. Am Sonntag vor Fasenacht waren wir dann zu Gast bei unseren Narrenbrüdern des Turnvereins Rhodt unter der Rietburg, wo wir wirklich herrliche Stunden verleben durften. Schade nur, daß es ein Sonntag war, die Stimmung und der Kontakt rochen verdächtig nach einem verlängerten Wochenende.

Und dann kam die Rülzheimer Fasenacht. Mit den Sorgen und Mühen der letzten Tage vor dem Fest möchte ich meine lieben Leser nicht belasten, denn die Betroffenen hatten genug darunter zu leiden. Mit Sorgen schauten Hans Kaufmann und seine Getreuen zum regenverhangenen Himmel, aber die Festesfreude überwog, und die Massen ließen sich von dem schlechten Wetter nicht einschüchtern. Unter den Klängen der Jugend-Musikkapelle wurde der Narrenbaum erstellt, und das Prinzenpaar, Bernd II. und Ursula I. nahm aus der Hand des Bürgermeisters den Schlüssel der Gemeinde entgegen. Sicherlich wird sich diese Zeremonie auch in den kommenden Jahren wiederholen, denn der ganze Vorgang war so recht nach dem Herzen von alt und jung.

Die Prinzengarde war wie seit Jahren in ihrer schmucken Tracht angetreten und wurde überall mit herzlichem „Helau" empfangen. Auch am Sonntag war uns das Wetter nicht gut gesinnt, aber unter den Klängen des Spielmannszuges und der Musikkapelle zerflatterten die Regenwolken und tosender Jubel erfaßte die vielen Zuschauer, die aus allen Dörfern der Umgebung herbeigeeilt waren, um die Jungfernfahrt des „Rülzheimer Narrenexpresses" zu erleben. Jubelnde Kinder bevölkerten die Wagen und die Fahrkarten fanden reißenden Absatz. Die herrlich aufgebauten Nebenbahnhöfe „Klein Paris", „Texas" und „Hongkong" waren das Ziel vieler Besucher, während sich die Hauptmasse in die Gasträume im „Hauptquartier seiner Tollität" (im alten Schulhaus) ergoß. Immer wieder drehte der „Narrenexpreß" seine Runden, während die Wagen mit den Sängern und dem Prinzenpaar nebst Gefolge eine Gratulationscour durch die Rülzheimer Gaststätten machten

Der Maskenball am Sonntag spiegelte die freudige Stimmung aller Besucher, und noch beim Lumpenball am Dienstag waren die hohen Wellen der Stimmung nicht verebbt. Während der Montag von vielen Alten zu einer Fahrt mit den schönen Wagen des Narrenexpresses benutzt wurde, war der Dienstag wieder der Schuljugend vorbehalten, und alle, ob jung oder alt, werden noch lange zehren an der Freude, welche die Rülzheimer Narren unserem Dorfe geschenkt haben.

Alois Johann